The Brief
KI im Alltag 4 Min. Lesezeit

KI-Agenten wollen für dich einkaufen, aber der Einzelhandel hat andere Pläne

NAVION

Teilen

KI-Shopping-Agenten wurden als eine Art demokratisierter persönlicher Assistent vermarktet, also als Technologie, die die mühsame Arbeit des Stöberns, Vergleichens und Kaufs übernimmt, damit Menschen das nicht tun müssen. Die Realität, zumindest im gegenwärtigen Zustand, ist deutlich unübersichtlicher. Einzelhändler blockieren Agenten, Plattformen bauen Mauern auf, und selbst wenn ein Agent eine Aufgabe erfolgreich abschliesst, wirft das Ergebnis Fragen auf, die weit über Bequemlichkeit hinausgehen.

Die Wächter wehren sich bereits

Meta, Google, OpenAI und andere haben allesamt agentische Shopping-Tools vorgestellt, deren Demos nahtlose Flugbuchungen, das Durchstöbern riesiger Produktkataloge und Ticketkäufe zeigen, die vollständig im Auftrag eines Nutzers abgewickelt werden. Was diese Demos nicht zeigen, ist, was passiert, wenn die Gegenseite der Transaktion die Teilnahme verweigert.

Amazon ist das bekannteste Beispiel. Das Unternehmen verklagte Perplexity mit dem Vorwurf, die KI-Firma habe ihren Agenten weiterhin zum Einkaufen auf Amazons Plattform geschickt, obwohl sie aufgefordert worden war, dies zu unterlassen. Amazon blockierte zudem den Zugriff von Metas Muse-Agenten auf seine Website. Die Amazon-Sprecherin Maxine Tagay bestätigte, dass das Unternehmen “Meta gebeten hat, Amazon zu entfernen” aus Muse, und stellte diese Haltung als unkompliziert dar: Drittanbieter-Anwendungen, die im Namen von Kunden einkaufen, sollten respektieren, ob ein Dienstanbieter überhaupt teilnehmen möchte.

Der CEO von JPMorgan Chase, Jamie Dimon, erklärte, die Bank werde externen Agenten keinen Zugriff auf Konten gewähren, und verwies dabei auf Risiken für Kunden und das Unternehmen. Nutzer haben zudem von Schwierigkeiten berichtet, Agenten für die Reisebuchung über Anbieter wie Delta und Amtrak zu nutzen. Selbst ohne ausdrückliche Sperren können bestehende Botsperren Agenten unzuverlässig machen. Target beispielsweise blockierte den Muse-Agenten an einem Tag und ließ ihn am nächsten Tag wieder zu, manchmal im Abstand von nur wenigen Minuten. Ein Target-Sprecher wies darauf hin, dass Agenten auf einige Teile der Website zugreifen können, auf andere jedoch nicht, um Kundendaten und das Einkaufserlebnis zu schützen.

Unvollständiger Zugriff, unvollständige Antworten

Das Fehlen von Amazon in den meisten Agenten-Ökosystemen ist keine kleine Unannehmlichkeit. Es ist eine strukturelle Lücke. Als Muse gebeten wurde, den besten Stückpreis für Müsliriegel zu finden, lieferte der Agent Optionen von Sam’s Club, Walmart und Costco, räumte jedoch ein, dass er Amazon aufgrund der harten Sperre nicht überprüfen könne. Der Agent selbst wies darauf hin, dass die günstigste Option möglicherweise auf einer Plattform existiert, die er nicht erreichen kann. Das ist eine erhebliche Einschränkung für ein Tool, dessen Kernversprechen ein umfassender Vergleich ist.

Die Erfahrung bei der Nutzung dieser Agenten für reale Shopping-Aufgaben offenbart ein Muster: Sie erfordern detaillierte Anweisungen, stoßen regelmäßig auf technische Barrieren und liefern manchmal Ergebnisse, die technisch zwar passend, aber praktisch unbrauchbar sind. Ein Agent, der eine Lebensmittelkette vorschlägt, die nicht an die Adresse des Nutzers liefert, oder der von einem Einzelhändler mitten in der Sitzung blockiert wird, spart keine Zeit. Er verbraucht möglicherweise mehr davon.

Das ist der Punkt, den die meiste Berichterstattung über KI-Agenten übersieht. Die Reibung ist nicht nur ein vorübergehender Bug, der behoben werden muss. Sie spiegelt einen echten Interessenkonflikt wider zwischen KI-Unternehmen, die einen reibungslosen Zugang zu Einzelhandelsplattformen wollen, und Einzelhändlern, die ganze Geschäftsmodelle darauf aufgebaut haben zu kontrollieren, wie Kunden mit ihrem Inventar, ihren Preisen und ihren Checkout-Prozessen interagieren. Bemerkenswerterweise verfügt Amazon über eine eigene plattforminterne agentische Shopping-Funktion, die Preise überwacht und Artikel automatisch auf der Grundlage von Nutzervorgaben nachbestellt. Das Unternehmen ist nicht gegen Automatisierung. Es ist gegen die Automatisierung durch Dritte innerhalb seines Ökosystems.

Das tiefere Problem: Agenten handeln in deinem Auftrag, gegen alle anderen

Hier wird die Geschichte wirklich interessant und wirklich unangenehm. Der aufschlussreichste Testfall in der zugrundeliegenden Berichterstattung betrifft The RealReal, einen Marktplatz für Luxus-Second-Hand-Mode. Da das Legen eines Artikels in den Warenkorb auf dieser Plattform diesen für 20 Minuten reserviert und andere Käufer vom Kauf abhält, kann ein Agent genutzt werden, um Artikel kontinuierlich wieder in den Warenkorb zu legen, wodurch Mitbewerber effektiv von Beständen ausgesperrt werden, die der Nutzer gar nicht kaufen will. Luke Friang, Chief Technology Officer von The RealReal, beschrieb den Ansatz des Unternehmens so, dass man für Drittanbieter-Agenten offen bleibt und gleichzeitig Schutzmaßnahmen gegen automatisiertes Verhalten beibehält, das das Kundenerlebnis stören könnte.

Dies ist die Spannung, die agentisches Shopping sichtbar macht. Einzelne Nutzer, die sich innerhalb der Regeln einer Plattform bewegen, können mit einem kontinuierlich laufenden Agenten Ergebnisse erzielen, die für andere Nutzer im großen Stil schädlich sind. Keine einzelne Handlung ist verboten. Der Gesamteffekt ist eine Art automatisierter Hamsterkauf. Und wenn eine Person das tun kann, kann es jeder andere mit Zugriff auf dieselben Tools auch tun.

Die breitere Implikation betrifft nicht nur das Einkaufen. Es geht darum, was mit gemeinsamen digitalen Räumen passiert, wenn Automatisierung günstig und zugänglich wird. Online-Umgebungen, die für menschliche Interaktionsgeschwindigkeiten konzipiert wurden, beginnen sich anders zu verhalten, wenn Agenten kontinuierlich, in großem Volumen und ohne Ermüdung agieren können.

Kurz gesagt

KI-Shopping-Agenten sind real, verfügbar und stoßen bereits an Grenzen. Einzelhändler wie Amazon und Plattformen wie JPMorgan Chase schränken den Zugriff von Drittanbieter-Agenten aktiv ein oder blockieren ihn, aus Gründen, die von wettbewerblicher Kontrolle bis hin zur Kundensicherheit reichen. Selbst dort, wo ein Zugriff existiert, sind Agenten unzuverlässig und von der Kooperation von Plattformen abhängig, die kaum einen Anreiz haben, diese bereitzustellen. Die wichtigere Frage ist nicht, ob Agenten irgendwann besser darin werden, diese Barrieren zu umgehen. Es geht darum, welche Art von Online-Umgebung entsteht, wenn sie es tun.

Basierend auf Berichten von The Verge.

Geschrieben von

NAVION